Nachruf – Sébastien Briat

November 14, 2004 Aus Von Stefko

Nach dem tödlichen Unfall bei dem Castor-Transport letzten Sonntag war meiner Meinung nach leider ziemlich viel Mist in diversen Blogs zu lesen. Von selber schuld über ganz schön dämlich bis zu Öko-Terrorist wurde dort in einer Art polemisiert, die ich eigentlich eher in Zeitungen mit Großbuchstaben erwarten würde.
In dieser Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung war ein kurzer Nachruf auf Sébastien Briat zu lesen, den ich hier einmal komplett zitiere. Vielleicht regt ja ein Gesicht und eine kurze Biographie den einen oder anderen nochmals dazu an seine eigene, eventuell vorschnell gefasste Meinung zu prüfen.

Sébastien Briat,
Aktivist,
Geboren 1982 in Louppy-sur-Chée,
Gestorben am 7. Novemvember 2004 bei Avricourt, Frankreich

sebastien_briat.jpgEr wuchs mit Vater, Mutter und zwei jüngeren Schwestern in einem kleinen Dorf in Lothringen auf, ging auf das College de Vaubecourt, dann auf das Gymnasium in Bar-Le-Duc. Er war ein guter Schüler und „eher bescheiden“, wie sich ein Lehrer erinnert.
Sébastien Briat spielte seit seir der Knabenzeit Rugby, war die Nummer 9 beim Bar Ovalie Club, der schwarz-weiß trägt. Seit einem Jahr war er mit Leuten zusammen, die Spaß an Musik, Straßentheater und Zirkus haben, in den Tag hinein leben und sich „Car’pe Diem“ nennen. Sie träumten davon, einen alten Bus umzubauen, um damit loszuziehen. Sébastien Briat machte sich gerne überall nützlich, sagen Freunde. Sie nannten ihn „Bichon“ – Liebling. Er versuchte sich als Seiltänzer.
Zudem engagierte er sich in der Gruppe Cacendr (Collectif d’action contre l’enfouissement des déchets radioactifs), die gegen ein Untergrundlabor im nahen Bure kämpft, das nach erfolgreicher Tiefenerkunndung zum Endlager für hochradioaktiven Abfall werden soll. Mit sieben anderen Aktivisten wollte er am vergangenen Sonntag im Wald bei Avricourt, nahe der deutschen Grenze, den Atommüll-Zug aufhalten, der Richtung Gorleben rollte. Vier ketteten sich an Stahrohren unter dem Schienenstrang fest, vier weitere solten Wache halten. Kurz zuvor war die heiße Fracht bereits durch andere Blockierer bei Laneuveville-devant-Nancy gestoppt worden.
Als der 2200 Tonnen schwere, 400 Meter lange Zug gegen 14.30 Uhr im Wald eine Kurve nahm, fuhr er nahezu Höchstgeschwindigkeit – 98 Stundenkilometer. Der Begleithubschrauber hatte just zum Tanken abgedreht. Eine Polizeistreife entdeckte die Blockierer zu spät.
Der Lokführer versuchte eine Notbremsung. Sébastien Briat aber kam nicht mehr schnell genug von seinen Fesseln los. Der Zug, den er stoppen wollte, überrollte ihn. Er starb kurz darauf an seinen Verlezungen.
[Quelle: Tim Murphy, Wochenende – Die Seite Zwei, Süddeutsche Zeitung. 13./14. Nov. ’04, Nr. 264]

::Nachtrag::
Bei Telepolis gibt es eine Erklärung der Gruppe.